Rote ListePatientenInfo-Service Gebrauchsinformationsverzeichnis Deutschland

PatientenInfoService - Informationen für Patienten



Inhaltsbereich

15.12.2015

Was bedeutet eigentlich blind bzw. sehbehindert?

Unter Blindheit versteht man die ausgeprägteste Form einer Sehbehinderung mit gänzlich fehlendem oder nur äußerst gering vorhandenem visuellen Wahrnehmungsvermögen eines oder beider Augen. Sie kann angeboren (Geburtsblindheit) oder erworben sein. Die Aussichten auf eine Verbesserung oder gar Heilung sind abhängig von Krankheitsbeginn, Ursachen und - insbesondere in Ländern der Dritten Welt - dem Zugang zu entsprechenden Behandlungsangeboten.

Davon unbenommen gibt es eine Reihe von Erkrankungen, für die es keinen wirksamen therapeutischen Ansatz gibt, und die deshalb als unheilbar gelten. Wenn eine Blindheit beide Augen betrifft, ist sie eine schwere Behinderung, bei der nach deutscher Gesetzgebung grundsätzlich ein Anspruch auf Beihilfe in Form von Blindengeld besteht. Er wird im jeweiligen Landesblindengeldgesetz oder als Blindenhilfe im Sozialgesetzbuch (SGB XII § 72) geregelt

 

Definitionen

 

 

Blind:

Visus bis höchstens 0,02

 

Hochgradig sehbehindert

 

Visus zwischen 0,02 - 0,05

Sehbehindert

Visus zwischen 0,05 - 0,3

In Deutschland gilt nach den gesetzlichen Bestimmungen und Versorgungsrichtlinien eine Person als blind, wenn ihre Sehschärfe auf dem besseren Auge auch mit optimaler Brillen- oder Kontaktlinsenkorrektur höchstens 1/50 = 0,02 beträgt (etwas irreführend als „2 % oder weniger“ bezeichnet), oder wenn andere dauerhafte Störungen des Sehvermögens vorliegen, die dieser Beeinträchtigung gleichzusetzen sind. Nicht zur Blindheit in diesem Sinne gehören die Farbenblindheit (Achromatopsie) und die Nachtblindheit (Hemeralopie).

Eine Reduktion der Sehschärfe auf weniger als 0,3 auf dem besseren Auge wird als Sehbehinderung bezeichnet. Als hochgradig sehbehindert gilt, wer auf dem besser sehenden Auge mit optimaler Korrektur lediglich eine Sehschärfe von nicht mehr als 1/20 = 0,05 besitzt.

 

Ursachen für Erblindung

Grundsätzlich kann jede Störung einer Struktur des visuellen Systems zu einer Erblindung führen.

  • angeborene Blindheit

  • frühkindlich entwicklungsbedingte Blindheit

  • genetische Veranlagungen, die im Laufe des Lebens zur Erblindung führen können

  • erworbene Blindheit, z.B.

o    altersbedingte Makuladegeneration (AMD) als häufigste Ursachen in Industrieländern, in Deutschland etwa 50 %

o    Trübung der Augenlinse (grauer Star), als weltweit häufigste Ursache

o    Diabetes

o    akuter oder chronischer grüner Star (Glaukom)

o    Netzhautablösung

o    Folge eines Schlaganfalls

o    Embolien oder Thrombosen der versorgenden Blutgefäße

o    Verletzungen

o    Infektionen (etwa eine bakterielle Entzündung oder auch eine Herpes-Infektion der Netzhaut)

o    Tumoren

o    Erkrankungen des Glaskörpers

Nach dem WHO-Report von 2004 leben in Deutschland 164.000 blinde und 1.066.000 sehbehinderte Menschen. In Deutschland erblinden jährlich ca. 10.000 Menschen neu und ca. 160 Kinder werden blind geboren.


Während es zwischen 1990 und 2002 nur zu einem moderaten Anstieg der Blindheit um 9 % gekommen ist, konnte ein Anstieg von Sehbehinderungen um 80 % registriert werden. Dies ist vor allem auf die erhöhte Lebenserwartung zurückzuführen. Während bei Menschen bis zum 39. Lebensjahr die Optikusatrophie als häufigste Erblindungsursache gilt, ist dies in der Altersgruppe vom 40. bis 79. Lebensjahr die Diabetische Retinopathie und ab dem 80. Lebensjahr die altersbedingte Makuladegeneration, gefolgt vom Glaukom. Da 48 % aller Erblindungen ab dem 80. Lebensjahr auftreten, ist die altersbedingte Makuladegeneration insgesamt die häufigste Ursache für Erblindung in Deutschland. 68 % aller Neuerblindungen betreffen Frauen. Hauptgrund dafür dürfte sein, dass Frauen aufgrund ihrer wesentlich höheren Lebenserwartung in dieser Altersgruppe überproportional vertreten sind.

Weitere Erschwernisse und Beeinträchtigungen

Blindheit geht immer mit einer Einschränkung des räumlichen Orientierungsvermögens einher. Dieses kann aber auf akustische und taktile Weise erweitert werden. Eine Reihe blindenspezifischer Hilfsmittel erleichtert das tägliche Leben, jedoch können diese in mehrerlei Hinsicht zu gewisser Abhängigkeit führen. Eine unabhängige, selbständige Lebensführung ist Ziel der meisten Betroffenen; häufig bleibt jedoch eine relative Hilfsbedürftigkeit bestehen. Oft führen mangelnde Bildungsmittel, Berufschancen, reduzierte Mobilität und geringere Sozialkontakte zu Problemen, die sich in sozialem Rückzug ausdrücken können. Verstärkt werden diese Umstände oft durch ein Bild in der Öffentlichkeit, das häufig von Vorurteilen und Unkenntnis geprägt erscheint.

Eine infrastrukturelle, gesellschaftliche und kulturelle Öffnung gegenüber den Bedürfnissen von Menschen, die visuell beeinträchtigt sind, ist für alle Menschen von Bedeutung. Ein Vorbild dafür ist die Stadt Marburg mit der dort ansässigen Blindenstudienanstalt, die seit Jahrzehnten bei der Förderung und Ausbildung von Menschen, die blind oder sehbehindert sind, beispielhaftes leistet. Wesentlich dabei sind nicht nur das Vorhandensein entsprechender Hilfsmittel wie Ampelanlagen mit akustischer Signalgebung oder Speisekarten in Brailleschrift, sondern auch die Umsetzung einer konsequenten Inklusion aller Menschen von Anfang an und die Einbeziehung unterschiedlicher Bedürfnisse in das gesamte infrastrukturelle, gesellschaftliche, kulturelle und städtebauliche Gefüge einer Stadt.

 

 


© 2017 Rote Liste® Service GmbH